Bespreking door Till Kinzel

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Carl Schmitt (1888 – 1985) und insbesondere sein Begriff des Politischen sind von fortdauernder Aktualität.[1] Das einzusehen, bedarf es keiner langen Erörterungen, sondern nur des Blicks in das Zeitgeschehen: „Spannungen und Antagonismen sind Teil der politischen Realität, von lokalen Streitigkeiten zwischen Parteien und Bürgern bis hin zur globalen Politik, in der Streitkräfte, Staaten und Supermächte ihre Beziehungen und Ansprüche untereinander ausfechten“ (S. 147).[2] Der niederländische Philosoph Marin Terpstra[3] greift Schmitts Begriff des Politischen in seiner neuen brillanten Studie auf, um vor allen Dingen dem Verhältnis genauer nachzugehen, das zwischen der bekannten, so berühmten wie berüchtigten Unterscheidung von Freund und Feind und dem Grad ihrer Intensität besteht. Denn während sich zumindest der Theorie nach Freund und Feind als strikt binäre Kategorien klar unterscheiden (lassen müssen), stellt sich im Bereich des Politischen auch die Frage nach der Intensivierung und De-Intensivierung solcher Unterscheidungen. Daher bedarf es einer Theorie der Unterscheidungen, die in der Fassung von Carl Schmitt, so Terpstras These, darauf zielt, sich der sozialen Logik der modernen Gesellschaft zu entziehen. Weil dies aber nicht praktikabel erscheint, macht es sich Terpstra zur Aufgabe, nicht eine weitere Erörterung zu Schmitts Leben, Werk und seinen okkasionellen politischen Präferenzen zu bieten, sondern den zentralen Text Der Begriff des Politischen nüchtern aus der Sicht Niklas Luhmanns zu lesen und zugleich Luhmann durch Schmitt zu korrigieren (so der Klappentext des Buches).[4] Unter Bezug auf ein Diktum George Spencer-Browns („Draw a distinction“; S. 14 – 15), gilt es, näher zu untersuchen, was geschieht, wenn Menschen Unterscheidungen treffen. Bekanntlich hat ja im Bereich der Philosophie schon die Scholastik dem distinguo eine wichtige Rolle zur Auflösung von Widersprüchen zugeschrieben,[5] aber hier geht es noch grundsätzlicher auch um lebensweltliche Unterscheidungsprozesse, die engstens mit Entscheidungen verbunden sind. Hier setzt auch der Bezug auf Carl Schmitt an, von dem ein Satz aus dem Begriff des Politischen für Terpstra der wichtigste Gedanke aus dieser Abhandlung gekennzeichnet wird (zitiert S.18 – 19): „Die Möglichkeit richtigen Erkennens und Verstehens und damit auch die Befugnis mitzusprechen und zu urteilen ist hier nämlich nur durch das existentielle Teilhaben und Teilnehmen gegeben. Den extremen Konfliktsfall können nur die Beteiligten selbst unter sich ausmachen; namentlich kann jeder von ihnen nur selbst entscheiden, ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfalle die Negation die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft wird, um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu bewahren.“

Terpstras Abhandlung ist im Letzten ein Kommentar zu diesem Satz und also erstens für näher an Schmitt Interessierte von Belang sowie zweitens für diejenigen, die sich überhaupt mit dem Problem der Theorie und Praxis des Unterscheidens im menschlichen Leben befassen. Denn dabei werden auch Stärken und Schwächen des Unter- und Entscheidungsdenkens von Schmitt deutlich. Zunächst geht es um die Sozio-Logik der Praxis des Unterscheidens, was hier bedeuten soll, daß es nicht um die von Anthropologen und Soziologen beschriebenen Unterscheidungsmechanismus von Gruppen geht, sondern um die politisch-philosophische Reflexion solcher Unterscheidungen (S. 21). Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Intensivierung von Unterscheidungen, die gesellschaftlich in der einen oder anderen Form stets von Belang sind. Terpstra spricht daher nicht nur von der Intensität, sondern auch von der Vergesellschaftung von Unterscheidungen, weil es in der Gesellschaft immer ein Wechselspiel von Einschlüssen und Ausschlüssen gibt. Das Problem des Intensivierungsgrads (S. 51 – 80) ist Gegenstand des zweiten Kapitels, in dem Terpstra zunächst in einigen Thesen den Begriff des Politischen einzukreisen sucht. Auch das Konzept der Intensivierung stammt von Schmitt, der ihm aber eine besondere Bedeutung verliehen hatte, indem er ihn auf den „äußersten Intensitätsgrad einer Unterscheidung“ bezog, die sichtbar werde, wenn mittels Gruppierung um eine Front die latente Unterscheidung von Freund und Feind real werde (S. 51). Diese Intensivierung hat als letzte Konsequenz auch die Möglichkeit eines Opfers des eigenen Lebens, was Schmitt als maßgebend für die Politik betrachtet.

Es gebe ein schon länger diskutiertes Problem in der Deutung Schmitts, das sich darum drehe, ob es ihm „um ein Verständnis von Politik in Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Bereichen“ gehe oder eben um den Begriff der Intensivierung (S. 52). Diese Frage stellt sich aber zusätzlich vor dem Hintergrund des Umstands, daß Schmitt selbst sich in einer Auseinandersetzung mit der Modernisierung der Gesellschaft befand. Der Jurist beschreibt diese moderne Gesellschaft aber oft nur vage und nicht so präzise, wie es nötig wäre, wenn man Terpstras Analyse folgt. Die moderne Gesellschaft untergrabe das Streben nach einer Staatsordnung, die darauf ziele, die Selbstbestimmung eines Volkes sicherzustellen (S. 112). So sei die Sozio-Logik einer solchen modernen Gesellschaft mit ihrer funktionalen Autonomie einzelner Bereiche grundlegend verschieden von einer Sozio-Logik, die einen Zusammenschluß von Menschen aufgrund von Kennzeichen ethnischer, kultureller oder politischer Identität betone. Nun habe aber Schmitt einen scharfen Blick für diese Differenz, was ihn „zu einem wichtigen politischen Denker“ mache, und zwar ganz unabhängig von seiner eigenen Stellungnahme zu dieser Differenz in wertender Hinsicht. Schmitt wolle nämlich seinerseits die Modernisierung der Gesellschaft „unterbrechen“ durch die Wiederherstellung eine eminent politischen Staatsverständnisses, wonach der Staat gegenüber der Gesellschaft Priorität besitzt.

Für Terpstra stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen es möglich sei, eine liberale, demokratische und rechtsstaatliche Weltgesellschaft zu denken und wie viele Modernität aufgegeben werden könne, sollte so etwas wie ein Nationalstaat oder ein Bündnis aus Nationalstaaten notwendig bleiben (S. 112 – 113), wovon man getrost ausgehen kann. Schmitts Denken jedenfalls orientiere sich nicht an der politischen Wirklichkeit, sondern an seiner Einschätzung derselben, ein wichtiger Unterschied! Denn: „Der Begriff des Politischen ist keine Beschreibung der sozialen Wirklichkeit als Ganzes (Soziologie), sondern eine politische Bewertung derselben“ (S. 113). Damit verbunden ist eine radikale Auswahl und auch Verkürzung der sozialen Tatbestände. Für Schmitt kommt viel auf die Reinheit der Unterscheidungen an, die nicht durch Vermischungen verunklart werden sollten. Terpstra diskutiert in seiner Studie eine ganze Reihe dieser auf das Problem der Unterscheidungen bezogenen Ansätze Schmitts, die sich auf seine Zeitdiagnose, auf rechtliche Tatbestände und politische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert beziehen. Insbesondere von großer Bedeutung ist die idealtypische Unterscheidung zwischen Staat und Gesellschaft einerseits, zwischen Gesellschaft und einzelnen Menschen andererseits, unabhängig davon, ob sie zum Gegenstand der Analyse oder der Polemik wird, wobei auch beides miteinander verwoben sein kann.

Es lohnt sich, diese Zusammenhänge mit Schmitt und Terpstra zu durchdenken. So wie Hobbes habe Schmitt nicht an die Möglichkeit geglaubt, der Einzelne könne sich selbst schützen, doch habe Schmitt, anders als Hobbes, nicht geglaubt, dieser Schutz sei ausschließlich vom Staat zu erwarten (S. 144). Denn in einer Welt, in der es mehrere Staaten gebe, hänge der Schutz auch davon ab, daß die Bürger eines Volkes bereit seien, sich als Kollektiv zu schützen, woraus sich ein Spannungsverhältnis ergebe „zwischen dem Wunsch des Bürgers nach Sicherheit und Schutz (von Leben und Eigentum) und der erforderlichen Opferbereitschaft“ (ebd.). An die Gegenwart heran führen Terpstras Überlegungen zum Abbau vormoderner Unterscheidungen, der allmählich abläuft und inzwischen im Bereich des politisch konnotierten „Westens“ die „Phase der Offensive“ erreicht habe, welche darin bestehe, daß der Staat allen Formen der Ungleichheit sowie angeblichen überholten Unterscheidungen den Krieg erkläre, was allerdings auch zu Widerstand führe. Technische Neuerung der Kriegführung führe dazu, daß die „Funktionalität“ von Männlichkeit und Weiblichkeit sich nicht mehr aufrechterhalten lasse. Doch könne man sich nicht darauf verlassen, daß der Begriff des Politischen allein auf der sozialen Logik der Moderne beruhe. Die Front zwischen liberaler und illiberaler Demokratie verschärfe sich auch im Westen und es sei zudem klar, daß die Unterscheidung zwischen Freund und Feind ebenso wie die „Intensivierung der Assoziation und die Dissoziation der Menschen“ ein Teil unserer Realität blieben (S. 146).

Terpstra zeigt anhand von Schmitts Text auf, daß in diesem zwar eine Theorie der Unterscheidungen vorhanden sei, sie aber nirgends systematische dargelegt werde. Ohne Beschönigung der polemischen Dimension, die Schmitts Theorie eingeschrieben ist, bleibt der theoretische Hintergrund relevant; Skizzen zu einer Sozialontologie von Uneinigkeit und Parteinahme sowie zum Verhältnis eines statischen zum dynamischen Begriff des Politischen runden die Darstellung ab.[6] Wenn Uneinigkeit „ein wesentliches, wenn nicht sogar das bestimmende Merkmal einer modernen Gesellschaft“ ist, die auf funktionaler Differenzierung beruht, so ist es zu ihrem Verständnis hilfreich, über die Möglichkeiten verschiedener Unterscheidungen und ihrer Intensivierungen und De-Intensivierungen nachzudenken, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir eben noch nicht in der Post-Histoire angekommen seien, am Ende der Geschichte. Man könne sich zwar eine friedliche Weltgesellschaft wünschen, aber das könne zugleich dafür blind machen, das es noch reale Gefahren gibt, mit denen man umgehen muß. Da kann es bedenklich sein, wenn das Politische hinsichtlich seiner Bedeutung aus der Gesellschaft verdrängt werde und es zum „Verschwinden des Bewusstseins für die reale Möglichkeit eines Feindes“ komme (S. 152). Der Kampf jedoch „zwischen den weichen und den harten Mächten in der Geschichte [ist] noch nicht zu Ende“ (S. 155). Die ebenso konzise wie gedankenreiche Schrift Marin Terpstras verdient über den Kreis der Carl-Schmitt-Interessierten hinaus eine aufmerksame Lektüre und wird durch ein Literaturverzeichnis abgeschlossen (S. 157-162).

Till Kinzel (juni 2026)

Noten

[1] Grundlegend jetzt: Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen: synoptische Darstellung der Texte. Im Auftrag der Carl-Schmitt-Gesellschaft hrsg. von Marco Walter, Berlin: Duncker & Humblot, 2018. Zum Kontext siehe u. a. Wolfgang A. Mühlhans, Carl Schmitt. Die Weimarer Jahre: eine werkanalytische Einführung, Baden-Baden: Nomos, 2018.

[2] Siehe z. B. Hartmuth Becker, ‚Carl Schmitts „Begriff des Politischen“: eine Zwischenbemerkung‘, in Erträge: Schriftenreihe der Bibliothek des Konservatismus, hrsg. von der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung, Berlin: Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung. Vgl. Jean-François Kervégan, Was tun mit Carl Schmitt?, aus dem Französischen übersetzt von Bernd Schwibs. Mit einem erläuternden Essay von Benno Zabel, Tübingen: Mohr Siebeck, 2019; Reinhard Mehring, Jenseits von Freund und Feind: Carl Schmitt im Kontext von Antipoden, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2025. Kürzlich erschienen ist auch das Themenheft 75 (2026) zu Carl Schmitt der französischen Zeitschrift Nouvelle école, die von Alain de Benoist herausgegeben wird.

[3] Zuletzt auf deutsch erschien Marin Terpstra, ‚Die Konstruktion eines antiwestlichen traditionalistischen Weltbildes‘, In Lageanalyse in Zeiten von Massengesellschaft und Massendemokratie bei Kondylis, hrsg. von Falk Horst, Berlin: Duncker & Humblot, 2025, S. 27- 52.

[4] Zu Luhmann siehe Niklas Luhmann, Systemtheorie der Gesellschaft, hrsg. von Johannes F. K. Schmidt und André Kieserling. Unter Mitarbeit von Christoph Gesigora, 2. Aufl., Berlin: Suhrkamp, 2018; Luhmann-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, hrsg. von Oliver Jahraus, Stuttgart/Weimar: Metzler, 2012.

[5] Vgl. auch Josef de Vries, Grundbegriffe der Scholastik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1980.

[6] Zum Aspekt der Sozialontologie ist insbesondere zu verweisen auf den griechischen Denker Panajotis Kondylis. Siehe zuletzt Konstantin Verykios, Panajotis Kondylis: Aspekte seines Denkens, lektoriert durch Andreas Loepfe, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2025.